Kapitel 9: Wissenschaft verstehen und Aussagen prüfen
„Diese Methode baut doppelt so schnell Muskeln auf.“ Der Satz ist kurz, eindrucksvoll und zunächst erstaunlich inhaltsarm. Doppelt so schnell wie welche Vergleichsmethode? Bei Anfängern oder erfahrenen Sportlern? Wurde Muskelmasse tatsächlich gemessen? Über welchen Zeitraum? Und wie groß war der Unterschied in absoluten Zahlen?
Wissenschaftliches Denken beginnt damit, aus einer Behauptung eine Frage zu machen, die sich überprüfen lässt. Eine brauchbare Frage enthält mindestens den untersuchten Personenkreis, die Maßnahme, einen Vergleich und das interessierende Ergebnis. In der Fachliteratur wird dafür häufig das Schema PICO verwendet: Population, Intervention, Comparison und Outcome.
Eine entsprechende Frage könnte lauten: „Führt bei bisher untrainierten Erwachsenen ein dreimal wöchentliches Ganzkörpertraining über zwölf Wochen zu einer größeren Verbesserung der gemessenen Maximalkraft als ein zweimal wöchentliches Programm mit gleichem Wochenumfang?“ Diese Formulierung ist weniger werbewirksam. Sie macht aber sichtbar, was ein Ergebnis tatsächlich beantworten kann.
Ändert sich der Vergleich, ändert sich die Frage. Ein Training gegen keinerlei Training zu vergleichen, zeigt etwas anderes als der Vergleich zweier sorgfältig dosierter Programme. Eine große Verbesserung gegenüber Nichtstun belegt noch keine Überlegenheit gegenüber allen anderen Trainingsmethoden.
Vier Arten von Aussagen
Viele Streitigkeiten im Fitnessbereich entstehen, weil unterschiedliche Aussagen verwechselt werden.
Eine Beobachtung beschreibt zunächst, was gesehen oder gemessen wurde: „Nach dem Programm wurde in dieser Gruppe eine höhere Kraft gemessen.“ Eine Erklärung schlägt einen Mechanismus vor: „Die Verbesserung könnte teilweise durch eine bessere koordinative Nutzung der beteiligten Muskeln entstanden sein.“ Eine Vorhersage betrifft einen erwarteten Verlauf: „Bei vergleichbaren Voraussetzungen erwarten wir eine Verbesserung.“ Eine Empfehlung verbindet die Befunde mit einer Entscheidung: „Für diesen Kunden wählen wir zunächst dieses Programm.“
Zwischen diesen Ebenen liegen zusätzliche Annahmen. Ein plausibler Mechanismus macht eine Vorhersage noch nicht sicher. Ein durchschnittlicher Gruppeneffekt bestimmt nicht exakt den Verlauf eines Einzelnen. Und eine wirksame Maßnahme ist nicht automatisch die beste Wahl, wenn Aufwand, Vorlieben oder Risiken anders ausfallen.
Der Trainer sollte deshalb in seiner Sprache erkennen lassen, auf welcher Ebene er sich bewegt. „Wir beobachten“, „eine mögliche Erklärung ist“ und „für deinen Fall empfehle ich“ drücken unterschiedliche Dinge aus. Diese Genauigkeit wirkt zunächst kleinlich. Sie verhindert jedoch große Schlussfolgerungsfehler.