Kapitel 49: Aktives Abrufen und verteiltes Wiederholen
Beim wiederholten Lesen entsteht häufig Vertrautheit. Eine bekannte Formulierung wirkt dann selbstverständlich. In einer Prüfung kann sich trotzdem zeigen, dass der Inhalt ohne Text nicht vollständig verfügbar ist.
In Experimenten von Roediger und Karpicke verbesserte vorausgegangenes Abrufen die spätere Erinnerung an gelernte Texte gegenüber erneutem Lesen unter den untersuchten Bedingungen. Unmittelbare Leistung und subjektive Sicherheit spiegelten den späteren Lernerfolg dabei nicht immer zuverlässig wider.
Für die Arbeit mit diesem Heft wird daraus eine praktische Übungsregel abgeleitet: Nach einem Abschnitt den Text schließen und die Antwort selbst erzeugen. Anschließend wird kontrolliert und korrigiert. Das Verfahren prüft nicht nur den Lernerfolg, sondern schafft eine weitere Lerngelegenheit.
Geeignete Fragen sind konkret. „Was ist Bias?“ ist ein Beginn. Noch hilfreicher für die Anwendung ist: „Welche Verzerrung könnte entstehen, wenn in einer Trainingsstudie nur die erfolgreichen Absolventen ausgewertet werden?“ Die zweite Frage verbindet Begriff und Situation.
Wiederholung über die Zeit verteilen
Die Forschung zum verteilten Üben zeigt, dass der zeitliche Abstand zwischen Lerngelegenheiten für die spätere Erinnerung bedeutsam ist. Welche Abstände besonders günstig sind, hängt unter anderem davon ab, wie lange die Inhalte behalten werden sollen. Daraus folgt kein für jeden Menschen identischer magischer Wiederholungsplan.
Ein praktikabler persönlicher Plan kann den Abschnitt am selben Tag kurz abrufen, nach einigen Tagen erneut bearbeiten und später in eine gemischte Wiederholung aufnehmen. Die genauen Abstände werden an Fehler und Lerngeschwindigkeit angepasst.
Wichtig ist, dass eine Wiederholung mehr enthält als erneutes Überfliegen. Ein Begriff wird erklärt, ein Fall entschieden oder eine Rechnung ausgeführt. Anschließend wird die Antwort mit dem Text verglichen. Falsche Antworten werden korrigiert und später noch einmal geprüft.
Eine Lernkartei erhält daher kleine, eindeutige Aufgaben. „Alles über Datenschutz“ ist zu groß. „Welche zwei rechtlichen Ebenen sind bei Gesundheitsdaten zusammen zu berücksichtigen?“ ist als Einzelaufgabe besser handhabbar. Zusätzlich werden längere Fälle geübt, damit das Wissen nicht in isolierten Karten stecken bleibt.